Wo ich bin, wenn ich nicht bin.

In letzter Zeit fange ich an, die Uhr falsch zu verstehen.
Meistens renne ich dann mit unsagbar großen Augen durchs Zimmer, meine Haare - die meiner Meinung nach immer dünner werden - flattern wild durcheinander und eine Stimme raunzt:"Das schaffst du nie!" Manchmal ist die Stimme meine Mutter, die Mutter meines Freundes, die Mutter eines Schulkameraden, die gleichzeitig meine Lehrerin ist und manchmal bin ich es selbst. Das Essen wird mir zur Last, das Tanzen, das Schlafen, das Nichtschlafen, das Tun, das Nichttun. Ich müsste bei der Familie meines ehemaligen Deutschlehrers anrufen, aber ich hadere mit mir, wann. Ist es eine Familie, die um 18:00 Uhr zu abend isst? Wenn ja, wie lange isst sie normalerweise? Wenn nein, isst sie dann um 19:00 oder um 20:00 Uhr? Woraus sich die Frage ergibt, ob es noch anständig ist, nach 20:00 Uhr anzurufen, zumal die Familie ein Kleinkind beherbergt, das zumindest bei dem Vater über alles geht. Wir essen übrigens sehr selten zusammen und abends in der Woche über sowieso nie. Der Redakteur der Zeitung, bei der ich mal nur so mitgearbeitet habe, weiß seit Januar, dass ich eine Bescheinigung benötige. Der Redakteur dieser Zeitung weiß auch, dass ich diese Bescheinigung sehr dringend benötige. Und er hat mich schon einmal angelogen. Ich rufe nun schon im Wochentakt bei ihm an, schreibe ihm mails. Selbst komme ich schlecht hin - die Busverbindung ist mies, ich habe kein Auto, denn der Punto wurde vor ein paar Wochen verschrottet und zudem fehlt mir Zeit, was mich wieder zur Uhr zurückbringt.
Dieses kleine fiese Mistding geht mir zu schnell. Während ich im Schreibwarenladen stehe und mich selbst davon überzeuge, dass eine orangefarbene Mappe eher auffallen würde, als eine lächerlich schwarze - alles ist schwarz - fällt die Kurve meines angelernten Wissens stetig. Ich werd mein Abi schon schaffen, das steht außer Frage, nur mit welchen Noten. Das ist dann eben eine heikle Sache und meine Faulheit, die ich als Strafe anerkenne, weil ich unternehme und renne und bin und Wunder geschehen dennoch nicht [Religion, Thema Glück, Rinser schrieb, dass man ein absolutes, gelassenes Vertrauen entwickeln soll, das einen positiv denken lässt und das darauf baut, dass alles sich zum Guten wendet, irgendwie - ehrlich gesagt, ist mir das zu einfach], wird mir nicht darüber hinaus helfen, dass ich nicht gut bin. Sagen vielleicht manche, es folgt aber immer ein "Du bist gut, ABER...". Das "Aber" treibt mich zur Verzweiflung, zu einer Perfektion, die ich nicht verkörpern will. Ich will unvollkommen UND gut sein, ohne aber.
Gleich werde ich tanzen gehen. Unter all den gestandenen Frauen werde ich stehen, vielleicht kommen ein paar Studentinnen noch vorbei. Und sie werden sich erzählen, wie die Büroluft heute war und dass sie im Büro tanzen würden, wenn keiner hinsähe, aber sich die Choreographie dennoch nicht merken könnten und dann starren mich alle an, damit ich ihnen vortanzen soll, obwohl ich die Woche davor nicht da war und ich tue es und verbessere, denn wenn ich vortanze, müssen es die anderen auch richtig nachmachen, auch mein Tanzlehrer, der mittlerweile alles vergisst, und dann bin ich das schwarze Schaf. Die, die alles besser wissen muss. Diesen Frauen ist es eigentlich schnurzegal, was sie da tanzen. Es hat keinen Sinn für sie, keine bleibende Ästhetik. Es sind Bewegungen, die gemacht werden müssen, um die lästigen Pfunde an Bauch, Bein und Po loszuwerden und so verhält es sich momentan mit mir und der Zeit und der Zeit, die geschlagen werden muss.
Heute in einem Monat ist mein letzter Schultag. Mein wirklich letzter.

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