2
Jul
2008

Brief

In letzter Zeit kommt der Postbote immer später. Außerdem überreicht er einem nur noch Briefe, die direkt im Müll landen: Werbung, Kreditangebote, Handyrechnung [bäh] und die Absage von der Uni Leipzig.
Damals dachte ich, wenn ich mich in Hildesheim bewerbe, warum dann nicht auch am Literaturinstitut in Leipzig? Ist weitaus bekannter. Bei beiden habe ich dieselbe Bewerbung eingeschickt, sie sahen identisch aus, identisch. Ich frage mich, warum Hildesheim mich überhaupt sehen will, wohingegen mich Leipzig ablehnt. In der Begründung, die sie wohl ebenfalls in identischer Ausführung ein paar hundert Traumtänzern zukommen ließen, stand, dass ich für ein derzeitiges Studium bei ihnen nicht geeignet sei.

Eigentlich juckt es mich ja nicht. Es macht mich aber nun doch nervös. In Leipzig haben sie meine Unerfahrenheit, meine scheinbare Naivität, die schon durch das Passfoto rüberkommt [ich seh echt aus wie 15 - nur, weil die Fotografin mit Photoshop mir die "Unreinheiten" wegretuschiert hat; ich will Furchen und Falten und Pickel und Pusteln. Obwohl, dann würden meine Texte zu naiv rüber kommen // vielleicht lag es auch an beidem; Ausstrahlung & kindische Texte], entdeckt. Hildesheim wird da nicht anders sein. Heute in einer Woche. Vielleicht, wenn ich meine Stimme senke und vor mich hin brumme und total intelligente Sachen sage, wie die Uhr tickt, aber tickt sie für uns?, wird es dann gutgehen?

Vielleicht sollte ich klischeehaft daherkommen, mit Biolatschen, gefakter Brille, verstruwweltes Haar [hab ich sowieso, ich krieg nie ne Frisur hin], Leinenkleidung. Dann blicke ich nachdenklich in die Sonne, schnalze mit der Zunge und bestelle ein Glas Rotwein, um dann über die Vergänglichkeit des Seins zu philosophieren [oder noch besser: ich beginne zivilisatorisch über die Männer zu schimpfen, Emanzengehabe (ich versteh diese Frauen nicht, was ist der riesengroße Unterschied zwischen uns? Wir sind doch alles nur Menschen! Keiner sieht den gemeinsamen Zusammenhang - wie Rainald Grebe:"Frauen lesen die Gala, Männer lesen AutoBild. Frauen lesen IMMER die Gala, Männer lesen IMMER AutoBild. Es gibt noch Unterschiede! JUHU!").].

Meine Herren, meine Zeit naht, ich bin gekommen, um zu bleiben [von Helden inspiriert, von ihnen kreiert], ich geh nicht mehr weg.
Sie werden sich wundern, auch wenn ich so lieblich rund erscheine und mein Beinkleid einen Stand zelebriert, den ich oft nicht verstehen kann und vor allem nicht verstehen will, so bin ich dennoch so hartnäckig, wie ein Bandwurm. Eine Hornisse, eine Wespe. Da fällt mir ein toller Vergleich ein:

Aus Angst, aus Wut, aus dem Nichts, hat sich eine Wespe normalen Rangs fest gestochen am Bein der Literatur. Die Literatur will sie mit allen Kräften loswerden, schüttelt ihr Bein wie wild, läuft im Kreis, jammert und schreit. Der Wespe wird schwindelig, sie ist benebelt, doch sie weiß, wenn sie jetzt ihren Stachel loslässt, wenn sie sich von ihrem Stachel und der Literatur losreißt, dann wird sie sterben. Es ist ein Machtkampf. Die Zeit wird entscheiden und die Ausdauer der Wespe & der Literatur [die Literatur gewinnt immer].

Die Hitze bringt mich um.
Trotzdem:
An dem Ticketschalter am Bahnhof hat der Ticketschaltermann mich gefragt, ob ich Studentin bin und ich habe ihn angelächelt und gesagt:
"Noch nicht, aber bald."
Er hat dann zwar vor sich hin gemurmelt:"Jaja", aber es war ein schönes Gefühl.

Papa meint ja, es sei da oben schon alles entschieden, wen sie nehmen und wen nicht. Sie wollen sich die Bewerber nur noch mal richtig vor Augen führen.


DSC00270


-> jetzt noch die Brille hrhr
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